Der Sanierungsstau

oder „Wie mache ich schlagende Schließungsargumente selbst“

von Oliver Zangerle

 

Spielen wir es doch einmal beispielhaft durch. Meine Freundin und ich, wir haben ein Wochenendhaus. Also, eigentlich hat sie das Holzhäuschen im Grünen mit in die Beziehung gebracht. Ich verbringe meine Wochenenden viel lieber auf dem Motorrad, aber "wo wir schon mal so ein schönes Häuschen im Grünen haben", zerrt mich meine Freundin Wochenende für Wochenende dorthin. Laaaaaangweilig! Was also tun?

Die Lösung bietet sich mir ganz und gar unverhofft, als ich bemerke, dass das Dach an einer kleinen Stelle marode ist. Es tropft. Nur einzelne Tropfen, ganz langsam aber bei jedem Regen stetig.

Meine Freundin, die in unserem Wochenendhäuschen eher der aktivere Part ist, die dort, „in aller Ruhe“ wie sie sagt, in ihrer Freizeit soziale Projekte entwickelt, bemerkt zunächst nichts. Und ich, naja, ich hab einfach vergessen, sie gleich darauf hinzuweisen. Und später hatte ich es selbst aus den Augen verloren. „Ich hab ja auch noch was Anderes zu tun.“

Als wir vier Wochen später am Freitagabend wieder die Tür aufschließen, ist der Boden klatschnass. Alles riecht modrig und faul. "Wir müssen sofort etwas unternehmen!" meint meine Freundin und ich stimme ihr – heftig mit dem Kopf nickend – zu. Engagiert verspreche ich, mich um einen günstigen Dachdecker zu kümmern.

Beim nächsten Besuch zwei Wochen später ist die Feuchtigkeit bereits hüfthoch in alle Wände gezogen. Meine Freundin schaut sich ungläubig um und macht mir Vorwürfe: "Du hast doch versprochen, dich darum zu kümmern!". „Aber“, so entgegne ich, „ein guter Dachdecker ist nicht leicht zu finden. Außerdem habe ich ja wohl auch noch andere Dinge zu tun.“ Aber da ich ja selbst sehe, dass etwas getan werden muss, werde ich mich eiligst darum kümmern, verspreche ich ihr. Sicherheitshalber werde ich auch einen Bausachverständigen hinzuziehen, schlage ich vor: "Damit wir genau wissen, was da auf uns zukommt."

Und so treffen wir uns sechs Wochen später (Bausachverständige sind sehr beschäftigte Leute) an unserem "geliebten“ Wochenendhäuschen. Und müssen (zur Bestürzung meiner Freundin) erfahren, dass der Bausachverständige keine Chance mehr sieht. "Die Wiederherstellungskosten würden die Kosten eines Neubaus bei Weitem übersteigen", so seine unangezweifelte Fachmeinung.

Dass in dieser Situation eine Renovierung wirtschaftlich nicht zu verantworten ist, versteht auch meine Freundin. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie sehr an der Bude hängt.

Ich nutze die Gelegenheit und werfe ein, dass wir in diesem Jahr gerade einmal 5 oder 6 mal hier waren (und verschweige natürlich, dass der Zustand des Häuschens dabei eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hat). "Macht ein neues Wochenendhäuschen für uns überhaupt Sinn?", frage ich schließlich mit traurigem Blick. Nein, macht es nicht, das sieht auch meine Freundin ein.

So wird das lästige Ding aus Vernunftsgründen schließlich abgerissen. Ein Schritt, den ich natürlich ebenfalls sehr bedauere! Natürlich!

Jetzt kann ich endlich jedes Wochenende Motorradfahren. Ziel erreicht.

O. k., fair war's nicht. Und in Wirklichkeit würde ich so mit meiner Freundin niemals umgehen.